The CBd
Zwierlein-Diehl, AGWien III on CBd-2188
Inv. IX B 1230. Hellgrauer Chalcedon. Form 1. In moderner, aufklappbarer, vergoldeter Silberfassung als Ring. 1655 im Besitz von Erzherzog Leopold Wilhelm (nach Macarius – Chifletius) nachweisbar. 1806 vorhanden. Beschr. 1816 II III, 699. SK. 448 Nr. 1230.
2,20 x 1,90 x 0,65
2. Jh. n. Chr.
Seite a: Oben ein querovaler Uroboros, darin sieben Charakteres. Der Schlangenkopf mit Kamm. Zu beiden Seiten je zwei achtstrahlige Sterne mit Querstrichen an den Strahlenenden übereinander. Darunter eine elfzeilige Inschrift:
αγω σασαω αδωνε / σεμεσειλαμ αβρασ/σξ, ζυρρατη ακραμμα/κραμμακαμαρι σεσε/γγενβαλφαρανγησ/εμεσειλαμ ωβλημ/λενιαμβων αρου/αντα Μιχαηλ α/μοραραχθι φυ/λαξετε Μαι/ανω (nach Bonner, mit minimalen Korrekturen bei der Zeilentrennung). Z. 3 der erste Buchstabe verschrieben: Sigma statt Alpha: Αβρασαξ.
Seite b: Unter einer »Überschrift« drei Inschrift-kolumnen von 12, 13, 14 Zeilen. Ein bogenförmiger Fehlschnitt durchschneidet die 5.–11. Zeile der linken und die 11.–12. Zeile der mittleren Kolumne.
Publ.: Macarius – Chifletius (1657) 111ff. Taf. 17, 69 /CBd-2773/ (erwähnt von: King, Gnostics [1864] 97); Ausschnitt hier Abb. 2. Bonner, Hesperia 20, 306f. 338f. Nr. 63 /CBd-2188/ Taf. 99.
Vgl.: Ein Stein, der in seiner doppelt-konvexen Form »gut in der Hand liegt« und mit außergewöhnlicher Sorgfalt geschnitten ist. Frühe Versuche, seine Inschriften zu deuten, sind teils heute noch gültig, teils als Beispiele humanistischer Gelehrsamkeit von historischem Interesse. Chifletius (Jean Chifflet, ca. 1612–1666, zur Zeit der Veröffentlichung Canonicus in Tournay, vgl. BU. 8, 441) hatte den Chalcedon (sc. den Abdruck, die Zeichnung?) auf Rat von Erzherzog Leopold Wilhelm an den weit älteren Gottifredus Wendelinus (Godefroi Wendelin oder Vendelin, 1580–1660, ebenfalls Canonicus in Tournay, vgl. BU. 44, 467ff.) gesandt. Wendelin antwortet mit einem auf den 12. September 1655 datierten Brief, den Chifletius im Wortlaut wiedergibt. Er deutet den Uroboros als rex regum, d. h. Christus, formt griechische Worte aus dem Text von a, die in einer Paraphrase als Rede Christi erscheinen: Die Anfangsbuchstaben von Abrasax ergeben mithilfe einer gemischt hebräisch-griechischen Deutung: pater, filius, Spiritus sanctus, salvatio a beneficio ligni. Aus den Zeilenzahlen von b ermittelt er Bezüge zu einem sakralen Kalender der »Gnostici«. Chifletius widerspricht mit guten Gründen der christlichen Deutung. Der Zahlenwert von Abrasax = 365 ist beiden bekannt (s. auch Chifletius 39 u. 66).
Zu Seite a: Den Kamm der Uroborosschlange hat der Zeichner bei Macarius – Chifletius richtig gesehen, wenn auch wie üblich umstilisiert; Bonner vermißte ihn auf seinem Photo. Fünf der sieben Charakteres innerhalb des Uroboros sind griechische Buchstaben, darunter rundes und eckiges Epsilon (Bonner). Für die erste Zeile ist Wendelins Erklärung nicht von der Hand zu weisen: Ζ Ξ Ε als Zahlzeichen, statt Τ Ξ Ε = 365; Ξ wird zwar in der folgenden Inschrift anders geschrieben, doch handelt es sich bei den größer geschriebenen Buchstaben im Uroboros um eine Zierform. Wieder unzutreffend ist Wendelins christliche Deutung der 2. Zeile im Uroboros: »... πλήρωμα repletionem, plenitudinem sacri temporis; quod advenerit post Y’E’ annos...«, mit kompliziertem chronologischen Schlüssel, der das Todesjahr Christi ergibt. Richtig ist wohl der Versuch, auch hier Zahlzeichen zu erkennen; liest man Π Κ Υ Ε, so ergibt sich als Summe 505. Der 2. Buchstabe könnte mit Wendelin auch als liegendes Lambda aufgefaßt werden, was als Summe 515 ergibt; Bonner erwähnt diese Möglichkeit, ohne Deutung. Vermutlich ist die 500 Jahre dauernde Phönixperiode gemeint, wobei die 5 aus magischen Gründen wiederholt wäre. Zur Phönixperiode: R. Van Den Brock, EPRO. t. 24 (1972) 72, 89, 123, 138 W. Sontheimer, in RE IX 2424f. s. v. Zeitrechnung. So verstanden ist die »Überschrift« Zeichen der durch den umschließenden Uroboros symbolisierten Wiederkehr und immerwährenden Erneuerung des Jahres und des »großen Jahres«. Die folgende Anrufung verschiedener Gottheiten endet mit der Bitte, den Maianus zu schützen: φυλάξετε Μαιανῷ. »The Latin name Maianus is not common, but is adequately attested. As for the use of the dative, it is uncertain, whether we should regard it as a dativus commodi, as in Thuc. 7, 53, or as a mere blunder for the accusative. Among the magical words we recognize more or less corrupt versions of Iao Sabaoth Adonai, semeseilam, abrasax, akrammachari, sesengenbarpharanges, arouanta, Michael, amorachthi, and in lines 6–7 what is probably a careless copy of orthmenchiniambon, a word I have seen elsewhere only in connection with scorpion amulets (SMA = Bonner, pp. 77, 200, 273)« (Bonner 306). »In line 1 Α Γ W may be a mistake in copying for Α Ι W and that, in turn, a disguised writing of I A W, since the next two words were obviously meant to be σαβαω (often written in magical inscriptions for σαβαωθ) αδωναι. Lines 2–3: the word should be αβρασαξ. ζυρρατη has not been noted elsewhere. Lines 3–4: the second κραμμα was repeated by an oversight; the letter immediatly after is usually chi not kappa. Line 3: the word ist usually σεσεγγενβαρφαραγγης. Lines 6–7: perhaps a garbled copy of ωρθμενχιvιαμβων, a word found on several amulets that represent a scorpion; cf. SMA (= Bonner) p. 77. Line 9: the second ρα is a dittography. Line 10: error for φυλάξατε« (Bonner 339).
Z. 2 und 5/6: zu σεμεσειλαμ vgl. hier III Nr. 2183 /CBd-2426/, 2223 /CBd-2467/; der Anfangsbuchstabe am Ende von Z. 5 ist zugleich Schlußbuchstabe des vorhergehenden Wortes. Zu Z. 8: Michael, hier III Nr. 2217 /CBd-2190/, 2236 /CBd-2480/, 2266 /CBd-2509/. Zum Schluß vgl. die allgemeine Formulierung hier III Nr. 2194 /CBd-2437/. Nr. 2194 /CBd-2437/ und 2264 /CBd-2188/ sind einander ähnlich durch die dichte Füllung mit Inschriften, die Uroboroi mit Kamm. Sie stammen wohl aus der gleichen Werkstatt, jedoch nicht von gleicher Hand: am auffälligsten ist der Unterschied der hier vorhandenen bei Nr. 2194 /CBd-2437/ fehlenden Querstriche an den Hastenenden.
Zu Seite b: »The reverse is covered with an entirely meaningless inscription, the elements of which do not even make a recognizable magical word, with the single exception of Iao and the greater part of it consists of mere combinations of the vowels in threes. Thus the potency of the inscription consisted solely in the fact that it was made up of letters in groups of three and was unintelligible (see SMA = Bonner, pp. 193194)« (Bonner 306). »The engraver has given the letters distinct serifs, or finishing strokes, and these are especially noticeable at the tops of the triangular letters though never so exaggerated as they appear on Chiflet’s engraving and the forgeries based on it« (Bonner 339).
Erwähnenswert ist zusätzlich, daß in Col. 1 Z. 1–6 das Wort ΙΑW zweimal auch senkrecht untereinander am Anfang der Zeile erscheint, also eine Art Akrostichis bildet. Zur Akrostichis: J. M. Jacques, Sur un acrostiche d’Aratos (Phén., 783–787), REA. 62, 1960, 48ff; E. Vogt, Das Akrostichon in der griechischen Literatur, AuA. 13, 1967, 80ff. (Hinweise von R. Merkelbach u. R. Jakobi). Zwischen die Vokale sind einige Konsonanten eingeschoben (Bonner 339); Bonner liest Z. 1 οπιεσωτουαρ, Z. 2 Ιαω ρεωη αφον. Geht man versuchsweise davon aus, daß das Ganze in drei Kolumnen gedacht ist, so steckt in Col. 2 Z. 1–2 σωτήρ, verborgen durch Umstellung der beiden letzten Buchstaben und Einschub von ε ω. Auch in Col. 3, Z. 1–3 ουαραφοντος scheint ein Wort zu stecken, das zu verstehen mir jedoch nicht gelingt. Daß in Col. 1, Z. 1 πίε (»trinke«) zu lesen sei, ist unwahrscheinlich, da das Wort nur auf dem Tantalus-Stein, Delatte – Derchain Nr. 364, vgl. Bonner 87f. vorzukommen scheint.
Bonner weist darauf hin, daß King, Gnostics 289f. drei Steine mit der gleichen Inschrift kannte, die offenbar im späten 17. und frühen 18. Jh. nach dem Stich bei Macarius – Chifletius kopiert wurden. Einer von ihnen war in der Towneley Coll., ist wahrscheinlich identisch mit dem Sard im British Museum, Bonner, Hesperia 20, 306f. 339 Nr. 64 /CBd-981/ Taf. 99. Ferner: Catalogue of the Wyndham Cook Collection Nr. 264 (Bonner 307).
 
Last modified: 2017-03-30 17:59:20
Link: cbd.mfab.hu/pandecta/2601

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