The CBd
Michel, BM on CBd-642
S. Michel, Die Magischen Gemmen im Britischen Museum, 2001, 149, no. 244.

Heliotrop, poliert. Hochoval, beiderseits flach, Rand nach hinten abgeschrägt, Kante abgerundet. Quer durch die Mitte ein Sprung . Ringstein.

1,7 x 1,35 x 0,25
1./2. Jh.n.Chr., Inschrift später.
Von George Eastwood, Esq. (1864), ehemals Sammlung Praun und Mertens.
Brit. Mus. Ins. G 147, ΕA 56147.

Vs.: Zwei Wagen mit Pferdegespann, jeweils auf- und absteigend im Profil nach links. Oben Helios in der Quadriga, vom Wagen ist ein vierspeichiges Rad sowie eine rundliche Standfläche zu sehen. Die Figur im Profil nach links scheint unbekleidet zu sein, eine Chlamys flattert hinter der Schulter. Das vordere rechte Bein ist angewinkelt, das hintere gestreckt, der Körper schräg nach vorne gelagert und angespannt. Die rechte Hand hält die Zügel, der angewinkelte Arm ist vom Körper verdeckt, der linke mit geöffneter Hand gestreckt und im Grußgestus erhoben. Profil ist nur flüchtig mit Kinn und Nase angezeigt, Haar angedeutet, um den Kopf sechs Strahlen. Die vier hintereinander gestaffelten Pferde haben die Vorderbeine erhoben, die Hinterläufe in „fliegendem Galopp” gestreckt, die Schwänze sind durch Kerben angedeutet, eine Mähne ist nur beim vorderen erkennbar. Die Pferdeköpfe sind nicht ausgearbeitet. Unter dem Heliosgespann Selene in einer Biga. Die Mondgöttin steht leicht vorgebeugt auf der kurzen Standfläche über dem Rad, der Bewegung entsprechend flattert ihr langes Gewand, das Velum bildet einen Halbkreis hinter ihr. Beide Arme sind erhoben und halten je einen Zügel. Das Profil der Göttin ist grob mit Nase und Wangenpartie skizziert, Haar nur flüchtig angedeutet. Die beiden Pferde scheinen kraftlos wie im Sturz frei schwebend, die Läufe leicht angewinkelt, die Hälse mit flatternder Mähne nach unten weit vorgestreckt. Die Mäuler sind geöffnet und Augen angedeutet. Im freien Feld links zwischen den beiden Gespannen, im zu Selene gehörenden unteren Bereich, eine liegende Mondsichel umgeben von fünf achtstrahligen Sternen.

Rs.: Queroval. Ιnschrift in fünf Reihen:
IAW
CAΒΑWΘ
AΒPACAΞ
ΟWΝΚΠAP
ACTAΘΗTΙ
Ιαω ΣαβαωθAΑβρασαξ, ὁ ὣν κ(ύριε), παραστάθητι, „->Ιaô ->Sabaôth ->Abrasax, der du bist der Herr, stehe mir bei”
Die Worte ó ώV sprach Gott gemäß Exodus 3, 14 zu Moses, die Inschrift erscheint zumeist auf jüdischen Amuletten. Über dem Kappa weist ein Querstrich auf eine Abkürzung hin, so daß wohl Kyrie, der Herr, gemeint ist. Παραστάθητι ist als Imperativform mit „stehe mir bei, schütze mich” übersetzbar.

Während Bewegung und Bahn der Planeten in ägyptischer Vorstellung als eine Fahrt in der Barke visualisiert werden, ist es nach griechischer Auffassung die Fahrt im Wagen. In den magischen Papyri heißt es, Selene fahre wie Helios im Wagen, und in einer Anrufung an den Sonnengott wird das vorliegende Gemmenbild beinahe illustrativ beschrieben: ,,...vor dir (Sonne) ist die Göttin des Untergangs dem Οkeanos begegnet, indem sie das Gespann der feuergenährten Rosse hinablenkt, flüchtig schwingt sich die Nacht vom Himmel...” (PRΕISΕΝDAΝΖ, PGM II 88ff.). Umschrieben wird also der Sonnenaufgang und zwar speziell zur Monatsmitte, wenn Sonne und Mond in Opposition stehen und der Sonnenaufgang mit dem Untergang des Vollmonds zusammentrifft. Dieser Tag, der 16., galt im persischen Kalender als Tag des Mithras, so daß diese Szene auch auf Mithrasmonumenten dementsprechend häufig dargestellt ist: Mithras-Helios fährt in der linken Ecke mit dem Viergespann empor, Luna (Selene) dagegen lenkt in der rechten Ecke ihr Zweigespann zum Untergang. Wie das mithraische Motiv des Stieropfers die Kosmogonie symbolisiert, sind auch hier ähnliche Vorgänge angesprochen: nächtliches Chaos macht Platz für den Kosmos des Tages. Die Siebenzahl des Kosmos ist im Bild vollzählig repräsentiert: fünf Planeten (die Sterne), dazu Selene-Biga und die Mondsichel stellvertretend für den Mond sowie schließlich die Helios-Quadriga für die Sonne. Der Kosmokrator Helios ist - wie meist - in der Quadriga gezeigt, wobei die Darstellung des Gespannes mit hintereinander gestaffelten Pferden - von der griechischen Klassik übernommen - in der römischen Kaiserzeit verbreitet war und auch unter Caracalla geprägte Münzen das auf römischen Ringsteinen geläufige Motiv häufig zeigen. Selene lenkt dagegen auf Gemmen mitunter auch einen von Rindern gezogenem Wagen oder reitet auf Stieren.

Bemerkenswert ausdrucksvoll und aussagekräftig in der Raumnutzung und der Bewegung der Figuren. So wird das kraftlose Absteigen des Mondes am Morgenhimmel ebenso bildhaft wie das kraftvolle „Voransprengen” der aufsteigenden Sonne. Trotz minimaler Größe sind Details angedeutet, der Schnitt wirkt kleinteilig und sauber. Proportionen, Bewegungen und Raumnutzung sind optimal. Sehr gute Arbeit der Kaiserzeit, stilistisch tendiert der Schnitt in das 1./2. Jh.n.Chr., so daß anzunehmen ist, daß der Stein durch Hinzufügen der magischen Inschrift adaptiert wurde.

Publ.: KING, GNOSTICS (1864) 214f.Taf. 6, 5; KING, GNOSTICS 442f. Taf. J, 1; BUDGE, GUIDE 242; BONNER 46 Anm.7, 172 Anm.39, 180 Anm.102; GOODENOUGH II 259 Anm.361, III 1116.

Lit.: Ζu Helios: 243 /CBd-641/(Lit.). - Ζu Selene: 63 /CBd-442/(Lit.). - Zum Sonnenwagen: K. SCHAUENBURG, Helios (1955) 36 Anm.320; AGHAGUE 231 zu Νr. 578; ABD ΕL-MOHSEN ΕL-KHASHAB, The Cocks, the Cat, and the Chariot of the Sun, ΖPΕ 55, 1984, 221f.; C. LETTA, in: LIMO IV 1 (1988) 592ff. s.v. Helios/Sol. - Ζum Wagen der Selene: BETZ/PREISENDANZ, PGM IV 2791. - Ζu den mithraischen Aspekten: R. MERKELBACH, Die römischen Mithrasmysterien, in: Spätantike und frühes Christentum, Ausstellungskatalog Liebighaus Frankfurt (1983/84) 133. - Zur Inschrift O WΝ (ΕΓW): BONNER 109, 172, 225. - Ζu ΠΑΡΑCΤΑΘΗΤl: BONNER 46, 180. - Ζu ΚΥΡΙΕ: BONNER 172.

Vgl.: Ζu Helios in der Quadriga, im Profil: Heliotrop AGD III KASSEL 236 Taf. 106, 158; Jaspis (ohne Farbangabe) und grüner Jaspis DELATTE-DERCHAIN 218f. Νr. 297.298; Grüner Jaspis PANNUTI, ΝAΡOLI 304f. Νr. 271; Grüner Jaspis AGHAGUE 355 Taf. 172, 1116; Grün-schwarzer Jaspis BONNER 291 Taf. 11, 228 /CBd-1413/; Roter Jaspis SOUTHESK COLL. 173 Taf. 14, Ν 51; Roter Jaspis ΝEVEROV (1978) 844 Taf. 173, 34; Gelber Jaspis PHILIPP, BERLIN 43f. Taf. 8, 33 /CBd-2009/.
Last modified: 2015-10-04 13:17:38
Link: cbd.mfab.hu/pandecta/375

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