The CBd
Michel, BM on CBd-686
S. Michel, Die Magischen Gemmen im Britischen Museum, 2001, 190, no. 300.

Dunkler Karneol, stark poliert, in den Vertiefungen schwach. Hochoval, beiderseits leicht konvex, Rand nach hinten abgeschrägt, Kante nach vorn. Große Absplißmulden ringsum, in die Vs. und Rs. reichend. Medaillon.

2,9 x 2,2 x 0,6
2. Jh.n.Chr.
Gekauft von C. Schmidt, Esq. (1868).
Brit. Mus. Inv. G 244, ΕA 56244.

Vs.: Im Zentrum der Darstellung, frontal auf einer kurzen Grundlinie stehend, eine weibliche Figur mit leicht versetztem Spiel- und Standbein. Die Frau trägt einen knochellangen Peplos mit Kolpos, Gesicht und Frisur sind en face nur grob angedeutet. Mit beiden angewinkelt ausgestreckten Armen hält sie die Zügel eines ihr jeweils zugewandten berittenen Pferdes mit je einem angewinkelt erhobenen Vorderlauf. Die Reiter mit jeweils hinter ihnen flatternder Chlamys tragen phrygische Mützen. Während sie mit der einen Hand einen Zügel halten, haben sie den anderen Arm mit geöffneter Hand angewinkelt erhoben, darüber je ein achtstrahliger Stern. Pendantartig steigt senkrecht hinter jedem Reiter eine Schlange auf, den glatten Kopf mit leicht geöffnetem Maul dem Reiter zugewandt. Die beiden berittenen Pferde stehen jeweils auf einer rücklings am Boden liegenden Figur, deren nach oben blickender Kopf direkt unter dem angewinkelt erhobenen Vorderlauf des Pferdes plaziert ist. Die beiden seitlich sichtbaren Reiter scheinen einen Schurz zu tragen, die Profile sind gerade noch erkennbar. Oben im freien Feld über der Gruppe zwei große Büsten im Profil einander zugewandt: links Selene mit der Mondsichel auf dem Kopf, rechts Heros mit Strahlenkranz, dazwischen in der Mitte ein achtstrahliger Stern. Im unteren Drittel des Bildes drei Möbelstücke, flankiert von zwei im Profil einander zugewandten, sitzenden Figuren, wobei von der rechten nur noch der Kopf und der linke angewinkelte Arm erhalten sind. Zwischen ihnen, von links nach rechts: eine Kline mit gedrechselten hohen Beinen, ein Tisch mit drei geschwungenen Beinen, darauf ein Fisch und drei kleine Brote, und schließlich ein dreibeiniger profilierter Kandelaber. Darunter, im untersten Segment, ein Widder im Profil nach rechts sowie ein ihm zugewandter Ηahn. Die Tierdarstellungen sind durch Absplisse nur teilweise erhalten, ob ursprünglich weitere Tiere gezeigt waren, ist nicht mehr erkennbar.

Rs.: In der oberen Hälfte des Bildfeldes, jeweils auf einer kurzen Grundlinie, eine weibliche und eine männliche Figur einander zugewandt. Die Frau ist frontal im Kontrapost stehend gezeigt, das Spielbein zeichnet sich unter dem Stoff ihres um die Hüften gebauschten Peplos ab. Mit der angewinkelt erhobenen Rechten stützt sie sich auf eine hohe Fackel, der linke Arm ist gebeugt am Körper gehalten, in der Hand zwei kugelähnliche Gegenstände an einer Schnur (Waage?). Das Profil der Frau ist grob mit spitzem Kinn, Lippen und dreieckiger Nase angegeben, das Haar am Kopf anliegend zurückgekämmt und von einem Haarband gehalten. Vor ihr ein kleiner zylindrischer Altar mit rundlichen Basis- und Abschlußkerben, oben brennt ein Feuer. Rechts eine große, mit der Peplophore korrespondierende männliche Figur in Vorderansicht, Kopf und Beine im Profil nach links. Der rechte Fuß ist auf einen vor dem Altar am Boden liegenden Stierkopf gesetzt. Der Mann trägt Stiefel und eine Art Tunika, die auf Brusthöhe mit gekreuzten Linien als Lederpanzer angezeigt sein dürfte. Hinter den Schultern ragen schulterklappenähnliche Kerben hervor. Die Kopfbedeckung des Mannes, ursprünglich wohl ein Helm, ist durch Αbspliß verlorengegangen. Mit dem linken Arm stützt er sich auf ein Zepter oder einen Stab, dessen Ende nicht mehr erhalten ist. Der rechte Arm ist angewinkelt abgestreckt, auf der geöffneten Handfläche liegt ein Pinienzapfen, der über den Altar gehalten wird. Unter der beschriebenen Szene, im unteren Bildsegment: links ein Baum mit zwei großen belaubten Ästen, an denen ein geschlachtetes (Opfer)Tier an den Hinterbeinen aufgehängt ist und von einem in Schrittstellung auf einer Grundlinie davor stehenden Mann ausgeweidet wird.

Die auf der Vs. dargestellten Figuren und Szenen bieten mehrere Möglichkeiten der Identifikation, lassen sich jedoch allgemein als Ausdruck von Hoffnung auf Rettung der Seele und Wiedergeburt verstehen. Das Motiv, das sich auf den „Donaureiterkult” bezieht, ist ikonographisch mehrmals auf Gemmen belegt, wobei das Bildfeld - wie hier - meist in mehrere Zonen aufgeteilt ist. In der oberen Ebene wird die himmlische Sphäre mit den die Welt beherrschenden Mächten angedeutet. Häufig sind hier die Sonne (Sol invictus) und Nemesis, die Personifikation der jenseitigen Vergeltung gezeigt. Als ausgleichende Gerechtigkeit kann die Göttin jedoch auch in der mittleren Sphäre auftreten. Immer erscheint zentral in der mittleren Bildebene eine stehende weibliche Figur zwischen zwei antithetisch angeordneten Reitern mit phrygischer Mütze und Doppelaxt, deren Pferde auf einer am Boden liegenden Figur stehen, dahinter je eine Schlange. Es scheint ein Erlösungsmythos angedeutet, der sich um reitende Rettergötter rankt, bisweilen sind - durch einen Stern über dem jeweiligen Reiter erkennbar - die mit Morgen- und Abendstern identifizierten Dioskuren gemeint. Die Dioskuren lassen sich einerseits mit den Mithrasmysterien assoziieren, wurden andererseits jedoch auch mit dem altthrakischen Reiterhelden gleichgesetzt, der sogar nach Ägypten ausstrahlte und unter dem Namen Heron z.Β. in Alexandria verehrt wurde, auch ist er in den magischen Papyri genannt. Da Nemesis über ihre Funktion als Schutzgöttin der Wettkämpfe mit den Dioskuren in Verbindung zu bringen ist, wurde die weibliche Zentralfigur häufig dementsprechend gedeutet. Ebenso könnte mit der Gestalt zwischen den Reitern jedoch auch Helena, die Schwester der Dioskuren und Tochter der Nemesis-Leda gemeint sein, die in der gnostischen „Exegese über die Seele” die sich nach der ewigen Heimat sehnende Seele verkörpert. Weiterhin wäre auch eine Identifikation als Ariadne denkbar, die Symbol der im Tod entschlafenen, von der Gottheit erweckten und mit ihr vereinten Seele war. Schließlich verweist gerade der im Kult eine wichtige Rolle spielende Fisch auf Züge der Dea Syria (Atargatis), der Anahita und der Kybele, die in der Spätantike, und gerade im magischen Bereich, mit Aphrodite, Artemis und Hekate synkretisiert wurden. Zu den in den unteren Bildebenen der Gemmen angedeuteten Kultszenen gehören meist ein Widder, ein Opfertisch mit Fisch und Brot, ein Gefäß mit Wein sowie ein Leuchter, womit die irdische Sphäre symbolisiert zu sein scheint. Klare Polarität herrscht in den Bildern vor: in der oberen Sphäre mit Sonne und Mond, in der mittleren durch die Göttin selbst und die Zusammenführung der beiden Reiter, in denen die Zusammenführung der beiden kosmischen polaren Prinzipien vermutet werden kann, und schließlich die männlich-weibliche Polarität in der unteren Ebene durch die Darstellung eines Mannes und einer Frau, die die Kultmahlgegenstände flankieren. Das Motiv der „Donaureiter” findet sich auch auf zahlreichen Mysterien-Plaketten des 3. Jh.n.Chr., die zu kleinen Hausheiligtümern gehörten. Als Grundlage des im einzelnen undurchsichtigen Kultes der Donaureiter ist eine vereinfachte Form der Mithrasmysterien zu vermuten, doch wurde, wie die Blei-Plaketten belegen, dieser höchst synkretistische Kult im Unterschied zu dem Gemeindekult um Mithras von Einzelpersonen gepflegt. Wie die Kultplaketten aus Blei, die die weite Verbreitung dieses Kultes in der Spätantike in Dakien, Mösien und Pannonien belegen, werden auch die Gemmen zugleich Andenken an die Einweihung, Bekenntnis- und Erkennungszeichen sowie Amulette gewesen sein. Ungeklärt ist, welche Opferszene auf der Rs. dargestellt ist und in welchem Verhältnis diese zum auf der Vs. visualisierten Donaureiterkult steht. Der Pinienzapfen könnte auf die Mysterien des phrygischen Vegetationsgottes Attis hinweisen.

Sehr subtil und kleinteilig gearbeitet, Details sind - trotz der Fülle - geordnet in dem vorhandenen Raum verteilt, bis ins kleinste ausgeführt und klar erkennbar. Auch die Figuren sind in ihrer Bewegung und Haltung sowie Proportionen überzeugend. Sehr gute Arbeit der mittleren Kaiserzeit.

Lit.: Zum Motiv: J. FROMOLS, Découverte d' une „Plaquette Danubienne” à Port sur Saône, JbZMusMainz 5, 1958, 259ff. Taf. 39-43; G. ΝEUMANΝ, Die Begleiter der phrygischen Muttergöttin von Bogazkoy, NachrAkGött 1959, 101 ff.; H. TUDOR, Discussioni intorno al culto dei cavalieri danubiani, Dacia, Ν.S. 5, 1961, 317ff.; Ο. PELIKÁN, Sborník Prací Filosofické fakulty brnênské university 14, E 10, 1965, 1961.; M. WENZEL, The Dioscuri in the Balkans, Slavic Review 26, 1967, 363ff.; A.A. BARB, Gnomon 41, 1969, 305 Anm.3.; D. TUDOR, Corpus Monumentorum Religionis, Equitum Danuvinorum I(1969), II (1976). - Zu den Bleiplaketten: E.L. ΟCHSENSCHLAGER, Lead Plaques of the Danubian Horseman Type at Sirmium, in Sirmium, Archeological Investigations in Syrmian Pannonia II (1971) 51 ff. Taf. 1 ff.; AGWIEN II 147ff. zu Νr. 1187, III 154f. zu Νr. 2187 /CBd-2430/; STERNBERG, AUKTION 23, 1989, 83ff. zu Νr. 307ff (Lit.). - Zu Heron: BETΖ/PREISENDΑNΖ, PGM V 251f.; K. MΥSLIWIEC, Zur Ikonokraphie des Gottes Hêrôn, StAe 3, 1977, 89ff; W.J.R. RÜBSAM, Götter und Kulte in Faijum während der griechisch-römisch-byzantinischen Zeit (1974) 52f., 121f., 190, 202; K. PARLASCA, Pseudokoptische „Reiterheilige”, in G. Koch (Hrsg.), Studien zur spätantiken und frühchristlichen Kunst und Kultur des Orients. Göttinger Orientforschungen 2. Reihe, 6 (1982) 19ff.; KÁKOSY, RELIGION 2986f. - Zu Nemesis: 86 /CBd-486/(Lit.). - Zu den Dioskuren: 303 /CBd-689/(Lit.), ferner 251 /CBd-649/(Lit.).

Vgl.: Zum Motiv: Grüner Jaspis und Hämatit DELATTE-DERCHAIΝ 195f. Νr. 259.260; Heliotrop AGWIEN III 154f. Taf. 91, 2187 /CBd-2430/; Kupferstiche CHIFLET 89 Taf. 11, 45 /CBd-2818/, 109ff. Taf. 15, 62 /CBd-2832/; hier 301 /CBd-687/, 302 /CBd-688/. - Thematisch auch Goldplättchen I. BILKEI, Die griechischen Inschriften des römischen Ungarns, Alba Regia 17, 1979, .36f. Νr. 42 Taf 2, 6. - Zu den Dioskuren: 303 /CBd-689/, 251 /CBd-649/.

 

Last modified: 2017-03-16 14:18:53
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